Section outline

  • Das Worddokument enthält einige Hinweise. Auf Seite 1 Beispielfragen. Auf Seite 2-4 einen Begleittext zu den Mini-Videos, die ich auch noch hier einstelle.
    • Beispiele und Begleittext zu den Videos. Es ist wichtig, die pdf Datei offen zu haben, damit man an den entsprechenden Stellen auf die Videos clicken kann...

    • Hier wird nun etwas gesagt in sehr deutlicher Weise. Eine Sprache in einer Kontaktsituation wird einfacher (also enthält weniger komplexe Strukturen). Das ist zwar so absolut nicht richtig, aber es ist immerhin ein nicht seltenes Szenario. Dadurch, dass das sogar noch durch die beiden konkreten Sprachszenarien Swahili und Afrikaans illustriert wurde, würde ich sogar zu Note 3 tendieren. Wenn dies nicht direkt in der Antwort gekommen wäre, hätte ich auch noch mal genau danach gefragt: „Können Sie mal ein deutliches Beispiel dafür nennen?“; wenn dann nur die Sprachnamen als Antwort kämen, ok, ausreichend. Bei etwas mehr Stoff und konkreter Veranschaulichung dessen, was diese Sprachen nun einfacher macht, könnte ich es auch mit befriedigend (3) benoten. Das wäre zum Beispiel der Fall durch die Nennung von grammatischen Kategorien oder Konstruktionen, die davon betroffen sind, oder auch durch die typologische Zuordnung der Sprachen, wie hier in der Antwort („Bantu hat ja meist Ton, die Kontaktsprachen wie Arabisch und so aber nicht; deswegen ist das im Swahili verloren gegangen“).


    • Bei dieser Antwort bleibt es dann dabei. Da ist nicht viel zu retten. So schnell aber gebe ich als prüfende Person nicht auf und setze noch mal nach.

      „Können Sie denn den Fall des Mbugu/Ma’a etwas illustrieren? Was ist daran komplex?“


    • Damit würde ich sagen, dass eine Note 2 bei diesen Antworten gerechtfertigt ist, denn die Antwort im ersten der beiden eben gesehenen Videos (04a) ist nicht super prickelnd, aber durchaus ok: faktisch zutreffend, auch Mous als maßgeblicher Beitragender hierzu ist sogar noch mit erwähnt worden. Im zweiten Video (04b) – tja, da müsste man natürlich sagen, die Antwort erzählt ja eigentlich von etwas, wonach gar nicht gefragt wurde. Also ne 1 gibt es dafür nicht. Aber ne 2 finde ich trotzdem ok. Denn in der Tat ist ja dargestellt worden, dass es sich beim Mbugu um eine Mischsprache handelt, und dann wird dieses Konzept eben an einem anderen Beispiel ausgemalt, hier eben Media Lengua zwischen Quechua und Spanisch.


    • Allerdings müssen Sie hierbei dann aufpassen. Zum Beispiel würde man für eine glatte 1,0 dann zum Beispiel als Prüfender noch mal reingrätschen und fragen, wer sind denn diese Wissenschaftler*innen, an die Sie da denken? Und dann müsste man für die perfekte Antwort schon sagen können, dass zum Beispiel Thomason und Kaufman 1988 von einem bantuisierten Kuschitisch ausgehen (also ein Fall massivster Entlehung auf allen Strukturebenen – so sehr, dass die Sprache heute auf den ersten Blick als dem Bantu zugehörig erscheint). Aber zum Beispiel nimmt Brenzinger eher einen U-turn an (Wechsel historisch von A nach B, dann aber unterbrochen und wieder die Gegenrichtung beschritten; die Details interessieren hier nicht und würden auch in der Prüfung keine Rolle spielen, denn wir reden ja nur über ein Beispiel.) Und Mous selbst geht von einer manipulativen Behandlung durch die Sprecher*innen aus.

      Und daran anschließend kann der Prüfende dann auch auf andere, nachfolgende Teile übergehen. Zum Beispiel nämlich dann eine andere Person in der Runde zu fragen, was denn nun aber den Ausschlag gibt, ob eine konkrete Kontaktsituation nun also zu Vereinfachung oder zu höherer Komplexität führt. Da sollten dann Dinge einfallen zur Frage der Zweitsprachenlernbarkeit. Und wissenschaftshistorisch – das hat Trudgill schön im Angebot – die Tatsache, dass die beiden Positionen von verschiedenen Personen in unterschiedlicher Weise vertreten wurden; allerdings nicht zufällig, sondern systematisch. Die Sprachtypologie sagt, nebeneinander bestehende Sprachen in einem Kontaktraum tendieren dazu, komplexer zu werden. Die Sprachsoziologie blickt stärker auf die Fälle von Kontakt mit Vereinfachungseffekten. Wie diese beiden Positionen in Einklang miteinander zu bringen sind, dafür sollten Sie eine Erklärung parat haben.


    • Hier sind viele kleine Leuchtfeuer als Stichwort gegeben worden. Zunächst mal eine absolut zutreffende Antwort. In der Tat ist Sprachkontakt im Nguni geprägt von in die Gemeinschaften aufgenommenen Sprecher*innen von Khoisansprachen über längere Zeit und dementsprechend sicher auch mit längeren Phasen voll ausgeprägter Mehrsprachigkeit. Im Swahili – so die landläufige Meinung – ist es eher so, dass die Sprache schon lange Zeit im Handel gerade auch unter Personen verwendet worden ist, die sie als später erworbene Fremdsprache nutzen. Was dazu führt, dass „unvollständig gelernt“ wird, mit all den Effekten, die Trudgill (und zig andere) für "post critical threshold learning" mit sich bringen. Aber dann kamen eben auch schon die Hinweise auf Lernbarkeit, etc. wo sich die Antwort dann verliert und in verschiedene Richtungen abzudriften droht.

      Da würde ich dann bestenfalls nochmal in die Tiefe bohren können, und dann kann es passieren, dass man auf immer dünneres Eis gelangt. Nachhaken könnte und würde ich wohl bei den Konzepten von Simplifizierung. Was meint das eigentlich? Wann würden wir bei einer Sprache sagen, sie sei weniger komplex als eine andere, vielleicht verwandte? Lernbarkeit im Zweitspracherwerb ist hier der Schlüssel (und die von Trudgill in den Vordergrund gestellte Dimension). Sie motiviert praktisch, warum es zu Simplifizierung im Sprachkontakt kommen kann. Und simplification im Sinne Trudgills meint: (1) Abbau von unregelmäßigen Formen durch analoge regelhafter scheinende Formen; (2) erhöhte Transparenz; (3) Reduktion der Zahl grammatischer Kategorien, die eine Sprache zwingend markiert; (4) weniger Redundanz, also zum Beispiel der Abbau von Markierung des grammatischen Geschlechts und Numerus-Markierung an abhängigen Redeteilen.

       

      So – damit genug. Ich hoffe das gibt einen Eindruck von der mündlichen Prüfungssituation. Bei Fragen oder Unsicherheiten, bitte gern noch an mich wenden. (Axel Fanego, Sommersemester 2021)