Eltern schlagen die Hände über dem Kopf zusammen: Es ist doch wahrlich keine Aufgabe des Literaturunterrichts, Kinder und Jugendliche zu gruseln, zu ängstigen oder zum Schaudern zu bringen. Warum sollte man in einer Zeit von Triggerwarnungen gerade Texte mit potenziell verstörendem Inhalt zum Gegenstand literarischer Lernprozesse erheben?
Doch horroraffine Literatur übt auch auf einen Großteil der jungen Leserschaft eine ungebrochene Faszination aus. Die Angst vor Gespenstern, Vampiren oder Werwölfen sowie die Lust am Gruseln sind unabhängig vom Alter seit Jahrzehnten populär. So existieren bereits für die Grundschule zahlreiche Modelle, um „schaurig schöne” Gespenstergeschichten mit Fokus auf Gruselspaß im Unterricht zu nutzen (vgl. Grundschule Deutsch 31/2011). Literarische Nachtgestalten können neben der Steigerung der Lesemotivation zudem dazu dienen, dass Kinder und Jugendliche sich mit eigenen Ängsten auseinandersetzen (Identitätsorientierung), ihre Imaginationskraft fördern oder zur Auseinandersetzung mit dem Fremden gedrängt werden. Themenhefte wie „Das Unheimliche“ (3/2006) der Praxis Deutsch und „Gestalten der Nacht“ (209/2008) von Der Deutschunterricht unterstreichen die schulische Relevanz.
Im Seminar wollen wir uns auf theoretischer Ebene damit auseinandersetzen, wie Angst, das Unheimliche, Schauern und Gruseln begrifflich fassbar gemacht werden können und wie man ihnen im Deutschunterricht begegnen kann. Gleichzeitig soll ein Streifzug durch verschiedene Texte mit Fokus auf Kinder- und Jugendliteratur unternommen werden, um zu ermitteln, welche Texte in das Genre eingeordnet werden können. Dabei erarbeiten wir auch gemeinsam Textmerkmale einer solchen potenziellen Gattung aus didaktischer Perspektive. Wir diskutieren dabei eine Palette an Themen, Stoffe und Motive: Alterität, Irritation, Katastrophenabwendung, Atmosphäre, mythologische Figuren usw.
Die Wahl der Primär- und Sekundärliteratur wird in der ersten Sitzung bekanntgegeben.
- Trainer/in: Timo Rouget