Sprache und große forschungshistorische
Annäherungen
Versetzen wir uns forschungshistorisch ins 19. Jahrhundert. Unsere Gedankenwelt ist angelehnt an Vorstellungen von Evolution, die in der Biologie, insbesondere der Zoologie, den Geist der Zeit repräsentieren. Übertragen auf das Interesse an den Sprachen der Welt heißt dies: Wir hegen den Wunsch, Sprachen in
Stammbäume zu gliedern und auf dieser Grundlage die Leitlinien auch
menschlicher Evolution, Wanderungsgeschichte und kulturhistorischer Innovationen
und Entwicklungen nachzeichnen zu können.
Ferdinand
de Saussure (1916) Cours de linguistique
générale. Von zwei seiner
Schülern veröffentlicht auf der Grundlage der Notizen aus Vorlesungen von de
Saussure. Zentrale Elemente hierin betreffen die Natur des sprachlichen
Zeichens.
- L’arbitraire du signe. Signifiant und signifié
sind zu trennen. Sprachliche Zeichen
sind also Kombinationen aus Form und Bedeutung. Die Ausgestaltung dieser Kombination ist im Einzelfall willkürlich, will
sagen: Die lautliche Gestalt ist nur qua Konvention an den damit zum Ausdruck
gebrachten konzeptuellen Inhalt gebunden.
- Langue und Parole
sind zu unterscheiden. (Auch noch langage,
aber das ist eben eine vortheoretische Behandlung des menschlichen Sprechens,
eventuell in Verbindung mit der Phonetik von Bedeutung, aber eben noch
vor/abseits der Frage nach bedeutungsvoller Sprache). Parole bezeichnet die Rede, die tatsächliche Äußerung, die Sprache,
die wir um uns herum dauernd wahrnehmen. Langue
hingegen bezieht sich auf die Systematik einzelsprachlicher Systeme; hier geht
es also um anzunehmenden Muster, Regeln, Konventionen, die unser sprachliches
Verhalten prägen. Wenn ich zehnmal hintereinander „Apfelkuchen“ sage, klingt
das niemals identisch. Aber das, was uns sagen lässt, er hat doch zehnmal
dasselbe gesagt, das ist eben der Gegenstand dessen, was langue ausmacht.
Diese wegweisende
Unterscheidung hat im Anschluss zu sehr tiefgreifenden Entwicklungen in der
Sprachwissenschaft geführt. Die generative Linguistik befasst sich im Kern
ausschließlich mit der langue. Sie sagt, die tatsächliche Äußerung ist variabel
und letztlich nicht vorhersagbar. Die Einschätzungen von Sprecher*innen
darüber, was als richtig oder falsch gelten kann, das hingegen ist durchaus
systematisch, replizierbar und kann somit den Standards wissenschaftlichen
Arbeitens unterzogen werden.
Methodische Konsequenz:
Wo die Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert in erster Linie mit
(schriftlichen) Quellen gearbeitet hat, da baut die Linguistk im 20.
Jahrhundert verstärkt Strategien auf, wie man mit Testverfahren, konkret dem
Elizitieren, Einsichten über einzelsprachliche Systeme erlangen kann.
Theoretische Folge, die aus den Ideen von de Saussure resultiert:
die Begründung des Strukturalismus. Eine seiner axiomatische Kernideen beruht
auf der Annahme, dass wir eigentlich nichts um seiner selbst wahrnehmen können,
sondern immer die signifikanten Unterschiede brauchen, anhand derer wir im
Vergleich bzw. im direkten Kontrast Dinge, Phänomene und Kategorien erkennen. Klingt erstmal sehr
philosophisch. Ist es auch. Aber es ist auch eine sehr praktische Vorstellung
für die empirische Arbeit. Hieraus folgt nämlich zum Beispiel die Strategie,
Minimalpaare zu bilden, die sich in nur genau einem Merkmal (feature)
unterscheiden. Dies ist nicht nur für die formale Linguistik (im Sinne von Chomsky und den vielen formalen theoretischen Ansätzen, die sich darauf basierend bzw. davon abgrenzend herausgebildet haben) prägend. Auch die empirisch-deskriptive Linguistik macht sich dieses Prinzip zu eigen.