Abschnittsübersicht

  • Es liegt nahe, anzunehmen, die Sprachwissenschaft ist die zentrale Anlaufstelle, wenn es um Sprache als Untersuchungsgegenstand geht. Stimmt auch. Allerdings muss man sich verschiedener Dinge bewusst sein. Es gibt nicht die eine Sprachwissenschaft. Deswegen wollen wir in der ersten SItzung eine gewisse Standortbestimmung vornehmen. Dazu gehört, ein wenig über die Geschichte der Erforschung von Sprache und Sprachen zu verstehen.

    Stärker als in manch anderer Kultur- oder Geisteswissenschaft hat sich in der Sprachwissenschaft ein gewisser Kanon herausgebildet. Damit meine ich, dass es eine recht fest umrissene Vorstellung in der allgemeinen Linguistik gibt, was zu den relevanten Themen gehört, und was - wenn überhaupt - eher randständig ist. Oft geht das dann sogar einher mit einer sehr deutlich ausgeprägten Vorgehensweise in der akademischen Ausbildung entlang eines ganz klar gegliederten Wissensgebäudes, dessen Teile die systematischen Schichten von Sprache sind: Strukturbereiche, die sich von klein zu immer größer zusammensetzen: Von den Lauten über die Wortbildung zum Satzbau.

    Heute werden vermehrt kritische Stimmen hörbar, die darauf hinweisen, dass dies nur einen ganz bestimmten Ausschnitt des Phänomenbereichs Sprache ausmacht. Manche besonders kritische Stimmen stellen sogar in Frage, dass diese Sicht auf Sprache als integriertes System strukturierter Schichten überhaupt angemessen ist. Das kratzt an der Annahme, dass es so etwas wie benennbare Einzelsprachen als natürliches Phänomen überhaupt gibt. Das klingt ganz schön radikal - schließlich haben wir alle ja mehrere Sprachen über Jahre unseres Lebens lernen müssen/dürfen. Und nun soll es das gar nicht geben? Was haben wir dann aber all die Zeit im Fremdsprachenunterricht dann eigentlich gemacht?

    Diese drei Absätze enthalten im Kern die Kompetenzen, die ich in dieser Lehrveranstaltung vermitteln möchte: (a) forschungsgeschichtliches "einordnen"/positionieren; (b) mit (konventionellen) Kernbegriffen der Sprachwissenschaft sicher umgehen können; (c) ihren eigenen Begriff von Sprache erweitern.

    • Sprache und große forschungshistorische Annäherungen

       

      Versetzen wir uns forschungshistorisch ins 19. Jahrhundert. Unsere Gedankenwelt ist angelehnt an Vorstellungen von Evolution, die in der Biologie, insbesondere der Zoologie, den Geist der Zeit repräsentieren. Übertragen auf das Interesse an den Sprachen der Welt heißt dies: Wir hegen den Wunsch, Sprachen in Stammbäume zu gliedern und auf dieser Grundlage die Leitlinien auch menschlicher Evolution, Wanderungsgeschichte und kulturhistorischer Innovationen und Entwicklungen nachzeichnen zu können.

      Ferdinand de Saussure (1916) Cours de linguistique générale. Von zwei seiner Schülern veröffentlicht auf der Grundlage der Notizen aus Vorlesungen von de Saussure. Zentrale Elemente hierin betreffen die Natur des sprachlichen Zeichens.

      L’arbitraire du signe. Signifiant und signifié sind zu trennen. Sprachliche Zeichen sind also Kombinationen aus Form und Bedeutung. Die Ausgestaltung dieser Kombination ist im Einzelfall willkürlich, will sagen: Die lautliche Gestalt ist nur qua Konvention an den damit zum Ausdruck gebrachten konzeptuellen Inhalt gebunden.

      Langue und Parole sind zu unterscheiden. (Auch noch langage, aber das ist eben eine vortheoretische Behandlung des menschlichen Sprechens, eventuell in Verbindung mit der Phonetik von Bedeutung, aber eben noch vor/abseits der Frage nach bedeutungsvoller Sprache). Parole bezeichnet die Rede, die tatsächliche Äußerung, die Sprache, die wir um uns herum dauernd wahrnehmen. Langue hingegen bezieht sich auf die Systematik einzelsprachlicher Systeme; hier geht es also um anzunehmenden Muster, Regeln, Konventionen, die unser sprachliches Verhalten prägen. Wenn ich zehnmal hintereinander „Apfelkuchen“ sage, klingt das niemals identisch. Aber das, was uns sagen lässt, er hat doch zehnmal dasselbe gesagt, das ist eben der Gegenstand dessen, was langue ausmacht.

      Diese wegweisende Unterscheidung hat im Anschluss zu sehr tiefgreifenden Entwicklungen in der Sprachwissenschaft geführt. Die generative Linguistik befasst sich im Kern ausschließlich mit der langue. Sie sagt, die tatsächliche Äußerung ist variabel und letztlich nicht vorhersagbar. Die Einschätzungen von Sprecher*innen darüber, was als richtig oder falsch gelten kann, das hingegen ist durchaus systematisch, replizierbar und kann somit den Standards wissenschaftlichen Arbeitens unterzogen werden.

      Methodische Konsequenz: Wo die Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert in erster Linie mit (schriftlichen) Quellen gearbeitet hat, da baut die Linguistk im 20. Jahrhundert verstärkt Strategien auf, wie man mit Testverfahren, konkret dem Elizitieren, Einsichten über einzelsprachliche Systeme erlangen kann.

      Theoretische Folge, die aus den Ideen von de Saussure resultiert: die Begründung des Strukturalismus. Eine seiner axiomatische Kernideen beruht auf der Annahme, dass wir eigentlich nichts um seiner selbst wahrnehmen können, sondern immer die signifikanten Unterschiede brauchen, anhand derer wir im Vergleich bzw. im direkten Kontrast Dinge, Phänomene und Kategorien erkennen. Klingt erstmal sehr philosophisch. Ist es auch. Aber es ist auch eine sehr praktische Vorstellung für die empirische Arbeit. Hieraus folgt nämlich zum Beispiel die Strategie, Minimalpaare zu bilden, die sich in nur genau einem Merkmal (feature) unterscheiden. Dies ist nicht nur für die formale Linguistik (im Sinne von Chomsky und den vielen formalen theoretischen Ansätzen, die sich darauf basierend bzw. davon abgrenzend herausgebildet haben) prägend. Auch die empirisch-deskriptive Linguistik macht sich dieses Prinzip zu eigen.