Diskussionsforum: Fragen, Kommentare und Anregungen zu den Vorlesungen

Frage 6 zur Vorlesung von Thomas Wortmann

Frage 6 zur Vorlesung von Thomas Wortmann

by Frederike Middelhoff -
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Haimatochare, so Thomas Wortmanns Lektüre von Hoffmanns 1819 erschienenem Genre-Mix aus Reisebericht und Erzählung in Briefen, ist eine Geschichte, die Formen der Aneignung und Vereinnahmung vorführt, kritisch unterläuft und humoristisch bricht. Welche Varianten der Inbesitznahme(n) spielt der Text auf welche Art und Weise durch? Welche Intertexte und Kontexte schienen Wortmann dabei relevant?


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Re: Frage 6 zur Vorlesung von Thomas Wortmann

by Patricia Heise -
Der Text bietet viele spannende Ansatzpunkte für die Frage, ich spreche hier lediglich das Spiel mit Gattung und Stereotypen an.
Die Pointe der Haimatochare funktioniert u.a. durch Genreerwartungen. Durch intertextuelle Referenzen (die selbst bereits als Aneignung gesehen werden können) wie z.B. sprachliche Merkmale, die aus den Leiden des jungen Werthers bekannt sind (z.B. beschriebene Gefühle der Überwältigung und Liebe, hohe Zentrierung auf das Ich etc.), aber auch der Nutzung genretypischer Ausdrücke (z.B. „sehnsüchtigen Verlangen“ (668)) wird den Leser:innen suggeriert, es handle sich um einen Liebesdiskurs. Dadurch kann die Figur Haimatochare leicht als Frau gelesen werden – statt der Laus, die sie eigentlich ist.
Die schlafende Laus wird von Menzies gefunden, wortlos aufgehoben, mitgenommen, in ein Zimmer gesperrt und dort von ihm angeschaut. Menzies verfügt über Haimatochare und gibt ihr keine Möglichkeit, sich gegen die Entwurzelung zu wehren. Ihr Wille wird nicht nur ignoriert, sondern nicht einmal thematisiert, sie wird zum reinen Objekt der Begierde Menzies. Allein, dass er ihr einen Namen gibt, ohne sich vorher zu fragen, ob sie vielleicht schon einen Namen habe, ist eine Form der Aneignung. (Dieses Machtverhältnis besteht unabhängig davon, ob es sich um eine Laus oder Frau handelt.)
Das unkritische Lesen der Haimatochare als Frau reproduziert verschiedene Stereotype, solange sich innerhalb der Erwartungen der Leser:innen – ob an Gattungen, Geschlechterbilder oder Vorurteilen gegenüber Kolonialisierten – bewegt wird und so keine Irritationen entstehen. Daher würde ich sagen, dass der Text sich außerdem (diskriminierende) Stereotype aneignet, um seine Handlung aufzubauen. Die Haimatochare wird als das Stereotyp der exotischen Schönheit, fügigen und mundtoten Frau inszeniert, nur so funktioniert die „Falle“. Aber auch die andere Frau in der Novelle, die Königin Kahumanu, wird als Stereotyp geschrieben. Hoffmann nutzt eine tatsächliche kulturelle Praktik (die Selbstverletzung als Ritual der Trauer bei einem Tod) und verdreht sie in seinem Text so sehr, dass sie als Moment der Komik funktioniert (die Königin sticht sich einen Haifischzahn in ihr Gesäß, was sowohl sexuell, aber auch als irrational oder schlichtweg „wild“ gelesen werden kann. Die Kontextsetzung dieses Rituals („um das Andenken des geliebten Mannes zu ehren“ (680)) ist so knapp, dass sie wahrscheinlich für die Leser:innen als Begründung nicht ausreicht, um das für sie seltsame Verhalten nachvollziehen zu können.).
Also noch mal in kurz: Der Text bedient sich u.a. an den erwarteten Vorannahmen der Leser:innen in Bezug auf Gattung, aber auch in Bezug auf geschlechtliche und koloniale Machtverhältnisse, mit denen auf inhaltlicher wie sprachlicher Ebene gespielt wird.
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Re: Frage 6 zur Vorlesung von Thomas Wortmann

by Delphine Donie -
Ich kann mich Frau Heise nur anschließen, durch, die von ihr beschriebenen Genreerwartungen wird der Leser geschickt auf die falsche Fährte gelockt. Passagen, in denen der Wissenschaftler von seiner ersten Begegnung mit Haimatochare berichtet, hören sich mehr nach einem vermeintlichen Liebeswerben an, als den tatsächlichen Fund einer Laus. Der Vergleich Wortmanns von Hoffmans Briefnovelle mit Goethes Werther erschien mir, im Hinblick auf Aneignung und Vereinnahmung, besonders interessant. Durch die Annahme. dass es sich bei Haimatochare um eine Frau handelt und man bei Werther eine Geschichte findet, in der der Selbstmord der einzige Ausweg erscheint sich davon zu befreien die Frau nicht besitzen zu können, scheint Hoffmann mit seinem gelungenen Bruch mit der Erwartungshaltung der Rezipienten einen wunden Punkt getroffen zu haben. Findet man bei Werthers Schicksal noch einen gewissen Schmerz, so zeigt sich bei Hoffmann eine Kritik, die genau durch eine Parodie der Dreiecksbeziehung/Liebeswerben zum Einsatz kommen kann.
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Re: Frage 6 zur Vorlesung von Thomas Wortmann

by Yara Grohnert -
E.T.A. Hoffmanns Heimatochare spielt auf unterschiedliche Art und Weisen mit Erwartungshaltungen der Leserinnen und Leser. Meiner Meinung nach ist der Kern dieser falschen Erwartung der Kontext der Kolonialisierung. Nur aufgrund unseres Wissen, wie weiße Kolonialisten mit Einheimischen Völkern Nordamerikas umgehen, kommen wir zu dem Verständnis, dass die „Insulanerin“ eine Frau ist - wobei der Begriff selbst natürlich auch eher eine Person voraussetzt als ein kleines Insekt. Weiterhin führt der Kolonialkontext dazu, dass wir als Leserinnen und Leser nicht überrascht sind, als der Protagonist die Insulanerin „faßt[…] [und] […] sie mit [sich] fort [trägt]“. Natürlich ist die blatante Entführung einer schlafenden Frau schockierend, dennoch in diesem historischen Kontext des weißen Mannes auf Hawaii nicht undenkbar. Dieser Aspekt wird dadurch unterstrichen, dass die vermeintliche Frau anschließend von ihm einen neuen Namen bekommt - unter der Annahme, dass die Insulanerin menschlich ist, gehen wir davon aus, dass sie bereits einen Namen hat - und in einen kleinen Raum gesperrt wird. Diese Inbesitznahme wird meiner Meinung nach noch „dreister“, als der Protagonist ausführt, welch schönes Zimmer sie doch bekommt, und, dass sie Insulanerin zu ahnen scheint „was sie [ihm] ist“. Die Frau wird also nicht nur entführt und eingesperrt, der weiße Mann ist fest der Annahme, dass er hier etwas Gutes tut - und die Frau das genauso sieht. All diese Taten gehäuft führen dazu, dass der Plottwist noch komischer und lächerlicher wirkt - all diese Arbeit, nur für eine Laus? An dieser Stelle wandelt sich auch das Bild des alles einnehmen weißen Kolonialisten in das Klischee des verrückten und besessenen Wissenschaftlers, der auch zu Beginn der Geschichte breites thematisiert wurde. 
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Re: Frage 6 zur Vorlesung von Thomas Wortmann

by Mona Freitag -
In Hoffmanns Haimatochare ist neben dem Wissenschaftsdiskurs auch einen Liebesdiskurs zu finden, beide Diskurse sind im Rahmen der Freundschaftsgeschichte der beiden Wissenschaftler Menzies und Brougthon sogar miteinander verschränkt: Menzies und Brougthon finden über die Wissenschaft zur Freundschaft und zur Liebe. Liebe und Wissenschaft werden jedoch verwechselt. Die Wissenschaft vereinnahmt somit sowohl das Konzept der Freundschaft als auch der Liebe unter deren Zeichen beide bei Menzies und Broughton stehen. Laut Wortmann sei diese Verwechslung von Liebe und Wissenschaft essenziell für den Text und mache dessen Witz aus und gebe Anlass Haimatochare als Wissenschaftsparodie zu lesen. Eine Wissenschaftsparodie ist bereits in Form der Binnenerzählung des komischen Wissenschaftlers in Haimatochare aufgerufen, mit einer ironischen Brechung: der komische Wissenschaftler und sein Verhalten in der Binnenerzählung scheint Menzies zunächst als weniger komisch freizusprechen; Haimatochare kehrt diesen Eindruck aber um: Menzies erscheint als noch komischer im Vergleich zum Wissenschaftler der Binnenerzählung.
Neben dem Geschlechterdiskurs, der sich in Form der Inbesitznahme der Insulanerin Haimatochare zeigt (diese vom Leser zunächst als Frau verstandene Haimatochare offenbart sich dem Leser erst zum Schluss als Laus) die von den beiden Männern Menzies und Broughton besessen werden will, findet sich in Haimatochare auch ein Kolonialdiskurs: sowohl Land als auch Frau/Laus werden erforscht, erobert und besessen. Dass Hawaii nie eine Kolonie war, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle, da Kolonialphantasien sich von Tatsachen losgelöst bewegen, so Wortmann. Eben in der Reflexion Hoffmanns der Kolonialfantasien liege der Witz Haimatochares, so Wortmann. Es zeigt sich, welche kolonialen und patriarchalen Fantasien und Semantiken der Südsee anhaften und wie wenig schockiert die LeserInnen des 19. Jahrhunderts über die Schilderung dessen waren, wie ein europäischer Mann eine hawaiianische Frau/Laus in Besitz nimmt.
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Re: Frage 6 zur Vorlesung von Thomas Wortmann

by Alexander Weiß -
Heimatochare“ ist die Verschaltung eines Liebes-, Geschlechter- und Kolonialdiskurses, was aus heutiger Sicht kontrovers zu diskutieren ist. Die Erzählung zeigt, welche kolonialen und patriarchalen Vorstellungen den Blick auf die Südsee bestimmten und wie es dabei um das Selbstverständnis des Publikums stand. Besonders eindrücklich ist, – wie bereits angesprochen – jene Szene, in der die „Insulanerin“ in ein Zimmer fort getragen wird. Dass ein Mann eine Frau nicht nach ihrem Namen fragt, sondern ihr selbst einen vergibt, hinterlässt viele Fragen im Kontext kolonialer und patriarchaler Darstellungsweisen.
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Re: Frage 6 zur Vorlesung von Thomas Wortmann

by Leonie Machura -
In Haimatochare finden sich zum einem die Inbesitznahme der Insel und zum anderen auch die Inbesitznahme der Insulanerin wieder. Es gibt neben dem offensichtlichem Liebes- und Kolonialdiskurs auch den Wissenschafts- , sowie Freundschaftsdiskurs.
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Re: Frage 6 zur Vorlesung von Thomas Wortmann

by Beyza Erdogan -
Ergänzend zu den Beiträgen der Komilliton*innen kann man noch sagen, dass im Text verschiedene Inbesitznahmen impliziert werden, die sich je nach Lesart ändern bzw. ergänzen lassen. Die unterschiedlichen Lesarten oder besser gesagt das Missverständnis, die Insulanerin sei eine Frau, entstehen laut Wortmann durch einen intertextuellen Verweis auf Goethes Werther. Dieses Missverständnis sorgt für unterschiedliche Inbesitznahmen, die sich im text durchspielen.
Zusätzlich zu der Inbesitznahme der Insel O-Wahu, die von Wortmann im Kontext des Kolonialdiskurses erwähnt wurde, kam er auch auf die Inbesitznahme der Frau zu sprechen. Die zwei Naturforscher streiten sich um den Besitz der Insulanerin und beanspruchen sie für sich, ohne sich für die Meinung der Insulanerin zu interessieren. Da der Pazifik zu der Zeit der Erzählung als ein erotisches Paradies betrachtet wurde, wie Wortmann in seinem Vortrag berichtete, kann man die Inbesitznahme der Frau aus dem Text herauslesen, wenn man die Insulanerin als Frau versteht. Mit der Auflösung und der Offenbarung, dass die Insulanerin eine Laus ist, kommt auch die Inbesitznahme eines Tieres hervor.
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Re: Frage 6 zur Vorlesung von Thomas Wortmann

by Yolande Belrose -
Insbesondre wird die körperliche/materielle Inbesitznahme durchgespielt. Die Laus, Haimatochare, wird von dem Wissenschaftler Menzies in Besitz genommen. Sei es, weil sie für die Leserschaft als namens- und wehrlose Insulanerin skizziert wird, bei welcher die kolonial-herrschaftliche Praxis eine Inbesitznahme nicht nur als unproblematisch, sondern als natürlich/selbstverständlich erachtet oder weil sie innerhalb ihrer Gattung (Laus) für die Wissenschaftler ein unklassifiziertes, unbekanntes Objekt ihrer Forschung darstellt, sie wird ohne Weiteres aus ihrem Heim entwendet und mitgenommen. In dieser Variante sind sowohl die intertextuellen Bezüge zu Goethes Wilhelm Meister interessant, welcher für eine starke Ich-Fokussierung und überschwängliche, das Selbst überwältigende Emotionen steht, als auch koloniale Kontexte und der Liebesdiskurs relevant.