Nationale, ethnische, geschlechterspezifische und religiöse Stereotypisierungen sind in Hoffmanns Texten keine Seltenheit: Diabolische Italiener, spanische femmes fatales, philisterhafte Deutsche, einfältige und dem Wucher verpflichtete Juden sind wiederkehrende Figuren seiner Erzählungen. Am Beispiel von 'Die Brautwahl' fragte Nicolas von Passavant nun in seinem Vortrag, inwiefern sich Hoffmann den Vorwurf der Judenfeindlichkeit gefallen lassen muss. Von Passavant kommt zu dem Ergebnis, dass der Text in dieser Hinsicht ambivalent ist.
Der jüdische Baron Dümmerl in 'Die Brautwahl' wird optisch und charakterlich mit zahlreichen antisemitischen Stereotypen beschrieben. Die Erzählinstanz vertritt allerdings nicht zwangsläufig die Meinung des Autoren, sondern veranschaulicht eventuell die gesellschaftliche Sicht auf den jüdischen Baron. Gleichzeitig lässt sich aber auch nicht ausschließen, dass hier die Autorenmeinung durchsickert. In einer zweiten Szene wirbt Dümmerl mit einem Nebenbuhler um Albertine. Er wird von seinem Konkurrenten verzaubert, und seine Nase schießt Albertine entgegen. Dümmerl wird in dieser Szene als 'jüdischer Lüstling' dargestellt. Im späteren Verlauf des Textes bekommt Dümmerl eine Geldfeile, auf die er sich sofort stürzt und mit der er anfängt, Geld zu feilen. Der ganze Akt bekommt durch das masturbatorische Bild des Feilens eine sexuelle Konnotation. Der Onkel von Dümmerl namens Manasse, ebenfalls Jude, versucht ihm die Geldfeile zu entreißen. Hier kann sich einerseits eine eindeutige antisemitische Konnotation lesen lassen, wenn Manasse, gierig nach der Geldfeile, diese selbst erbeuten möchte. Andererseits kann man in diese Szene auch eine Abwehr gegen antisemitische Stereotype interpretieren, wenn man sie so deutet, dass Manasse auf Dümmerl zustürzt, um ihm die Feile zu entreißen. Mit dieser Deutung würde Manasse Dümmerl davor bewahren, das antisemitische Stereotyp des geldgierigen Juden zu erfüllen, zu dem er von der Gesellschaft gemacht wird. Da das Thema der Erzählung Diskriminierung ist und dieses auch in diversen Handlungssträngen ausgearbeitet wird, ist stets unklar, ob nur antisemitische Stereotype gezeigt werden oder auf eine gesellschaftliche Wahrnehmung referiert wird. So bleibt auch aufgrund der Ambivalnz in der Darstellung der Figuren unklar, ob die Texte als antisemitisch gewertet werden können oder der Gesellschaft durch die überspitzte Darstellung der Figuren der Spiegel vorgehalten werden soll. Nicolas von Passavant führte an, dass die Texte Hoffmans vor allem zunächst seine Epoche und die Diskriminierung von marginalisierten Gruppen in dieser Epoche wiedergeben. Das Thema des Antisemitismus bei Hoffmann muss laut von Passavant demnach Interpretationssache bleiben.
Zum historischen Kontext lässt sich sagen, dass 1812 ein Edikt erlassen wurde, das viele Gesetze gegen Juden aufgehoben hat. Hier hat Passavant angeführt, ob die "Brautwahl" nicht vielleicht deshalb als Emanzipationsnarrativ verstanden werden sollte.
Kurz wurde im Vortrag "Der Sandmann" angesprochen, in dem Coppelius auch mit judenfeindlichen Charakteristika beschrieben wird. Doch wieso sollte der paranoide Nathanael sich die Figur, die ihm Angst macht, als Juden skizzieren? Hat er aufgrund der zur damaligen Zeit vorherrschenden Stereotypen Angst und projiziert das auf Coppelius? Oder schimmert hier doch eine gewisse Judenfeindlichkeit seitens des Autors durch?
Wie Passavant am Ende schön gesagt hat, sein Ziel war es, uns zu verwirren. Das hat er damit geschafft, denn eine einfache Antwort zur Judenfeindlichkeit bei E. T. A. Hoffmann lässt sich schlichtweg einfach nicht geben.
Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant
Es wurden nicht nur Zitate erläutert und in den Kontext miteinbezogen. Die Textstellen, an denen judenfeindliche Bemerkungen zu finden sind, wurden mit Bildern von E.T.A Hoffmann ergänzt, die die Zitate ergänzen. Hier wählt Nicolas von Passavant ein Bild, das von E.T.A Hoffmann für 'Den Sandmann' gemalt wurde. Das Bild sowie auch weitere veranschaulichen damit verstärkt die Charakteristiken, die E.T.A Hoffmann seinen jüdischen Figuren optisch zuspricht. Dazu zählt ein unförmiger Kopf, erdgelbes Gesicht, buschige Augenbrauen und eine gezogene Nase (wie in einem seiner Bilder zu sehen ist). In späteren Erzählungen, wie in 'Die Brautwahl' sind dann konkrete jüdische Beleidigungen vorzufinden.
Nun zu der Fragestellung, inwiefern sich Hoffmann den Vorwurf der Judenfeindlichkeit gefallen lassen muss. Nicolas von Passavant hat passend dazu erörtert, dass für die judenfeindlichen Bemerkung bzw. das Thema ein gewisses Bewusstsein herrscht. Demnach wird E.T.A Hoffmann gelegentlich Judenfeindlichkeit zugeschrieben. Dennoch wissen wir nicht über seine Absichten Bescheid, weswegen ihm nicht zu 100% Judenfeindlichkeit zugeschrieben werden sollte.
Interessant finde ich die Idee, dass möglicherweise judenfeindliche Bemerkungen in Hoffmanns Erzählungen vorzufinden sind, damit er sich von dem Stigma distanzieren konnte, selbst als Jude betrachtet zu werden. Anscheinend wurde ihm gelegentlich zugeschrieben, ein Jude zu sein. Diese Hintergrundinformationen, die uns Nicolas von Passavant dargestellt hat, lassen das Thema von einem neuen Winkel betrachten.
Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant
Wie die Verfasser die vorherigen Beiträge bereits bemerkt haben, ist gerade Dümmerl in der Erzählung „Die Brautwahl“ von stereotypischen Beschreibungen umgeben. Dadurch scheint es fasst, als werde er in die Stereotypenrolle gedrängt. Des Weiteren lässt sich sagen, dass manche der Beschreibungen dennoch hinterfragt werden müssen. Sprechen wir beispielsweise von der langen Nase, die ihm gezaubert wird, dann ist eben hier wichtig zu bemerken, dass die Nase eben „nur“ durch die Verzauberung so lang erscheint. Ob er also wirklich eine lange Nase hat, bleibt den Lesern verborgen.
Außerdem ist zu bemerken, dass der „Referendarius Gloxin“ ähnlich wie Dümmerl beschrieben wird, denn er verfügt über die gleiche Kleidungsweise. Im Gegensatz zu Dümmerl wird Gloxin jedoch positiv dargestellt.
Auch bei Dümmerls Onkel wird, laut von Passavant, die volle Möglichkeit von der Beschreibung durch judenfeindliche Merkmale nicht ausgeschöpft. Es ist also durchaus möglich, dass Hoffmann mit seiner negativen Beschreibung von Dümmerl nicht eine mangelhafte Emanzipation desselben verdeutlichen wollte.
Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant
1. Die erste Figur Benjamin Dümmerl: von dieser Figur gibt es unzählige judenfeindliche Beleidigungen, die jedoch die gesellschaftliche Wahrnehmung der Figur darstellt, nicht die Stimme des Autors. Nichtsdestotrotz ein Argument, den man selbst interpretieren müsste.
2. In ein paar Textpassagen wurden bestimmte äußerliche Beschimpfungen dargestellt, die aber auch Hoffmann beschreiben können, so wie zum Beispiel "Gelbsucht".
Ich finde, so wie auch Von Passavant in dem Vortrag erwähnt, dass man Hoffmann nicht unbedingt als judenfeindlich ansehen kann, denn er hatte auch judische Freunde, die zwar konvertiert haben. Er war auch in einer Judin verliebt, anderseits macht er sich über die ganze Problematik lustig.
Um es mit Nicolas von Passavantes Worten auszudrücken: „mit einer jüdische Heldenfigur würde die Leiter nicht mehr auf dem Boden (der Epoche) stehen.“
In seinem Vortrag über E.T.A. Hoffmanns Brautwahl erläutert Nicolas von Passavant deutlich die Ambivalenz des Textes.
Passavant geht zunächst auf die Problematik der jüdisch dargestellten Figuren im Allgemeinen ein. Figuren die augenscheinlich judenfeindlich gemodelt bzw. beschrieben sind, verkörpern oft Vorurteile wie eine unförmiges Gesicht, buschige Augenbrauen, eine große Nase usw. Allerdings wird auch der Teufel bereits seit dem Mittelalter mit Juden verglichen bzw. mit ähnlichen Charakteristika beschrieben. Ob Hoffmann also seine Figuren tatsächlich judenfeindlich beschreibt oder in ihnen lediglich den Teufel verkörpern will, ist nicht eindeutig.
In Hoffmanns „die Brautwahl“ werden explizit jüdische Figuren thematisiert. Neben anderen gehört zu diesen auch einer der Protagonisten Benjamin Dümmerl, welcher im Laufe der Handlung mit zwei weiteren Männern um die Gunst der schönen Albertine wirbt. Wie bereits genannt wird auch Dümmerl mit den typischen negativ konnotierten Eigenschaften (hässlich, dumm, usw.) beschreiben. Allerdings wird die Figur durch die Sicht anderer beschrieben und folglich ist unklar, ob hier wirklich Hoffmanns Judenfeindlichkeit verdeutlicht wird oder lediglich die Meinung der Gesellschaft innerhalb der Geschichte zum Ausdruck kommt.
Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant
Antisemitische Stereotypen sind insbesondere anhand des Charakters Benjamin Dümmerl zu beobachten, die sich im Familiennamen „Dümmerl“, Aussehen, Charakter und Handlung widerspiegeln. Er wird wie folgt beschrieben: lang, mager, ein gelbes Gesicht beschattet von pechschwarzen krausen Haaren und Backenbart, eine ansehnliche Nase, gekleidet nach der letzten bizarrsten Mode, keine Kenntnis und Geschmack in Kunst und Literatur, dummdreist, vorlaut, zudringlich und geldgierig. Das Merkmal „Nase“ wird an einer weiteren Stelle in der Erzählung aufgegriffen, nämlich als der Goldschmied Leonhard Dümmerls Nase in die Länge verzaubert. Das Merkmal „Geldgier“ wird erneut durch die Szene unterstrichen, in der Dümmerl eine Geldfeile als Trostpreis erhält, woraufhin er wie besessen Münzen feilt und sich zudem mit seinem Onkel Manasse um diese Feile streitet.
Durch Ausdrücke wie „sieht man“, „jeder weiß daher“ und „nach dem derben Ausdruck derjenigen verständigen Leute“ wird klargestellt, dass es sich bei der Beschreibung jüdischer Charaktere um die gesellschaftliche Wahrnehmung statt der eigenen Meinung Hoffmanns handelt. Außerdem fällt bei der Beschreibung Benjamin Dümmerls auf, dass er große Ähnlichkeiten mit E.T.A. Hoffmann selbst aufweist. Im Gegensatz zu Dümmerls Charakterisierung und Personenbeschreibung werden in der Erzählung weiteren jüdischen Charakteren, beispielsweise seinem Onkel Manasse oder dem Goldschmied Leonhard, kaum derart negative Eigenschaften zugeschrieben – die antisemitischen Stereotypen werden in einer Person vereint. Interessant ist auch, dass Hoffmann die Aufhebung diskriminierender Gesetze gegenüber Juden im Jahr 1812 in seiner Erzählung verarbeitete. Ein Beispiel hierfür ist, dass der jüdischstämmige Dümmerl Albertine erst heiraten darf, nachdem er getauft und zum Christentum konvertiert ist.