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Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Frederike Middelhoff -
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Nationale, ethnische, geschlechterspezifische und religiöse Stereotypisierungen sind in Hoffmanns Texten keine Seltenheit: Diabolische Italiener, spanische femmes fatales, philisterhafte Deutsche, einfältige und dem Wucher verpflichtete Juden sind wiederkehrende Figuren seiner Erzählungen. Am Beispiel von 'Die Brautwahl' fragte Nicolas von Passavant nun in seinem Vortrag, inwiefern sich Hoffmann den Vorwurf der Judenfeindlichkeit gefallen lassen muss. Von Passavant kommt zu dem Ergebnis, dass der Text in dieser Hinsicht ambivalent ist.

Woran erkennt man diese Ambivalenzen bei Hoffmanns Darstellung von sterotypischen (u.a. auch stereotypisch jüdischen) Figuren? Welche Aspekte seines Erzählens tragen zu einer ambivalenten Darstellung etwa der Figuren Manasse und Dümmerl bei? Von Passavant argumentierte, dass diese Darstellungen konkret in historische Debatten um jüdische Emanzipation im Preußen seiner Gegenwart eingreifen. Inwiefern?

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Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Tim Hainz -
Im Text 'Die Brautwahl' scheint E.T.A. Hoffmann mit einer gewissen Sorglosigkeit mit antisemitischen Stereotypen zu spielen, die die Erzählungen trotz aller Interpretationsweisen, also auch wenn sie nicht explizit antisemtisch gewertet werden, problematisch machen. Sie zeigen, dass Hoffmann trotz seiner Kontakte zu einem assimilierten Judentum kein Feingefühl für das Thema Antisemitismus besaß und sich wohl nur oberflächlich mit dem Judentum auseinandersetzte.

Der jüdische Baron Dümmerl in 'Die Brautwahl' wird optisch und charakterlich mit zahlreichen antisemitischen Stereotypen beschrieben. Die Erzählinstanz vertritt allerdings nicht zwangsläufig die Meinung des Autoren, sondern veranschaulicht eventuell die gesellschaftliche Sicht auf den jüdischen Baron. Gleichzeitig lässt sich aber auch nicht ausschließen, dass hier die Autorenmeinung durchsickert. In einer zweiten Szene wirbt Dümmerl mit einem Nebenbuhler um Albertine. Er wird von seinem Konkurrenten verzaubert, und seine Nase schießt Albertine entgegen. Dümmerl wird in dieser Szene als 'jüdischer Lüstling' dargestellt. Im späteren Verlauf des Textes bekommt Dümmerl eine Geldfeile, auf die er sich sofort stürzt und mit der er anfängt, Geld zu feilen. Der ganze Akt bekommt durch das masturbatorische Bild des Feilens eine sexuelle Konnotation. Der Onkel von Dümmerl namens Manasse, ebenfalls Jude, versucht ihm die Geldfeile zu entreißen. Hier kann sich einerseits eine eindeutige antisemitische Konnotation lesen lassen, wenn Manasse, gierig nach der Geldfeile, diese selbst erbeuten möchte. Andererseits kann man in diese Szene auch eine Abwehr gegen antisemitische Stereotype interpretieren, wenn man sie so deutet, dass Manasse auf Dümmerl zustürzt, um ihm die Feile zu entreißen. Mit dieser Deutung würde Manasse Dümmerl davor bewahren, das antisemitische Stereotyp des geldgierigen Juden zu erfüllen, zu dem er von der Gesellschaft gemacht wird. Da das Thema der Erzählung Diskriminierung ist und dieses auch in diversen Handlungssträngen ausgearbeitet wird, ist stets unklar, ob nur antisemitische Stereotype gezeigt werden oder auf eine gesellschaftliche Wahrnehmung referiert wird. So bleibt auch aufgrund der Ambivalnz in der Darstellung der Figuren unklar, ob die Texte als antisemitisch gewertet werden können oder der Gesellschaft durch die überspitzte Darstellung der Figuren der Spiegel vorgehalten werden soll. Nicolas von Passavant führte an, dass die Texte Hoffmans vor allem zunächst seine Epoche und die Diskriminierung von marginalisierten Gruppen in dieser Epoche wiedergeben. Das Thema des Antisemitismus bei Hoffmann muss laut von Passavant demnach Interpretationssache bleiben.
In reply to Tim Hainz

Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Julia Hock -
Herr Hainz hat die Frage schon sehr schön und ausführlich beantwortet, es sei vielleicht noch zu ergänzen, dass schon allein der Name "Dümmerl" eine erste indirekte Beleidigung ist. Es sei aber auch wichtig, genau in den Text zu sehen, denn Hoffmann verwendet bei der Judenbeschreibung stets Ausdrücke wie "man sieht" oder "jeder weiß daher", was darauf schließen lässt, dass er nur die gesellschaftliche Wahrnehmung der Juden beschreibt und nicht seine eigene Meinung vertritt.
Zum historischen Kontext lässt sich sagen, dass 1812 ein Edikt erlassen wurde, das viele Gesetze gegen Juden aufgehoben hat. Hier hat Passavant angeführt, ob die "Brautwahl" nicht vielleicht deshalb als Emanzipationsnarrativ verstanden werden sollte.
Kurz wurde im Vortrag "Der Sandmann" angesprochen, in dem Coppelius auch mit judenfeindlichen Charakteristika beschrieben wird. Doch wieso sollte der paranoide Nathanael sich die Figur, die ihm Angst macht, als Juden skizzieren? Hat er aufgrund der zur damaligen Zeit vorherrschenden Stereotypen Angst und projiziert das auf Coppelius? Oder schimmert hier doch eine gewisse Judenfeindlichkeit seitens des Autors durch?
Wie Passavant am Ende schön gesagt hat, sein Ziel war es, uns zu verwirren. Das hat er damit geschafft, denn eine einfache Antwort zur Judenfeindlichkeit bei E. T. A. Hoffmann lässt sich schlichtweg einfach nicht geben.
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Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Marlen Schönberg -
Die zwei Diskussionsbeiträge haben die Fragen schon hervorragend beantwortet, meiner Meinung nach. Da ich den Vortrag als besonders interessant empfunden habe, würde ich auch noch gerne ein paar Ergänzungen und Anregungen hinzufügen. Die ambivalente Darstellung ist mit dem Hintergrundwissen, das uns Nicolas von Passavant bereitgestellt hat, umso besser zu verstehen.
Es wurden nicht nur Zitate erläutert und in den Kontext miteinbezogen. Die Textstellen, an denen judenfeindliche Bemerkungen zu finden sind, wurden mit Bildern von E.T.A Hoffmann ergänzt, die die Zitate ergänzen. Hier wählt Nicolas von Passavant ein Bild, das von E.T.A Hoffmann für 'Den Sandmann' gemalt wurde. Das Bild sowie auch weitere veranschaulichen damit verstärkt die Charakteristiken, die E.T.A Hoffmann seinen jüdischen Figuren optisch zuspricht. Dazu zählt ein unförmiger Kopf, erdgelbes Gesicht, buschige Augenbrauen und eine gezogene Nase (wie in einem seiner Bilder zu sehen ist). In späteren Erzählungen, wie in 'Die Brautwahl' sind dann konkrete jüdische Beleidigungen vorzufinden.
Nun zu der Fragestellung, inwiefern sich Hoffmann den Vorwurf der Judenfeindlichkeit gefallen lassen muss. Nicolas von Passavant hat passend dazu erörtert, dass für die judenfeindlichen Bemerkung bzw. das Thema ein gewisses Bewusstsein herrscht. Demnach wird E.T.A Hoffmann gelegentlich Judenfeindlichkeit zugeschrieben. Dennoch wissen wir nicht über seine Absichten Bescheid, weswegen ihm nicht zu 100% Judenfeindlichkeit zugeschrieben werden sollte.
Interessant finde ich die Idee, dass möglicherweise judenfeindliche Bemerkungen in Hoffmanns Erzählungen vorzufinden sind, damit er sich von dem Stigma distanzieren konnte, selbst als Jude betrachtet zu werden. Anscheinend wurde ihm gelegentlich zugeschrieben, ein Jude zu sein. Diese Hintergrundinformationen, die uns Nicolas von Passavant dargestellt hat, lassen das Thema von einem neuen Winkel betrachten.
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Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Larissa Kratz -
So möchte ich mich, auch den drei vorherigen Beiträgen, anschließen. Schaut man sich den Text "die Brautwahl" an, sollte man sich fragen, wie fällt die Wahrnehmung über Juden aus, im Fall von "der Sandmann", spiegelt sich Paranoia wieder. Allein, wie die Figur "Corpelius" beschrieben wurde: "Mit einem unförmigen Kopf, erdgelben Gesicht, buschigen grauen Augenbrauen, unter denen ein paar grünliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln und eine große, starke über die Oberlippe gezogene Nase". Passt auf die Beschreibung des Magiers: "Rattenfänger, der Alte taucht überall auf..." Zudem wurden zwei Magier beschrieben, der Jude als der böse Magier und der andere, der gute Zauberer. Um Dümmerl herum sammelt Hoffmann judenfeindliche Charakteristka, zum einen, indem ihm eine lange Nase gezaubert wird und zum anderen, dass er eine Geldpfeile geschenkt bekommt, damit er seine Goldbarren pfeilen kann. Welches, auf ein Wortspiel hinausläuft und der Szene etwas triebhaftes verleiht. Auch, da Manasse, der Onkeln von Dümmerl, sie für sich selbst haben will und sie ihm entreißen will. Von Passavant fragt sich hier zu recht, wirft Hoffmann hier ein Spiegelbild auf, das der Gesellschaft vorgehalten werden soll, auch wenn es sehr überspitzt dargestellt wurde oder handelt es sich doch um antisemitische Textszenen. Zudem, stellt er die These auf, dass Hoffmann nicht wirklich etwas über Juden wusste.
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Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Julia Lindemann -
Auch ich möchte mich den vorherigen Überlegungen an die Fragen anschließen. Dass Hoffmann mit judenfeindlichen Stereotypen gearbeitet hat lässt sich, wie bereits die Antworten von Herr Hainz, Frau Hock, Frau Schönberg und Frau Kratz herausarbeiten, nicht bestreitet.
Wie die Verfasser die vorherigen Beiträge bereits bemerkt haben, ist gerade Dümmerl in der Erzählung „Die Brautwahl“ von stereotypischen Beschreibungen umgeben. Dadurch scheint es fasst, als werde er in die Stereotypenrolle gedrängt. Des Weiteren lässt sich sagen, dass manche der Beschreibungen dennoch hinterfragt werden müssen. Sprechen wir beispielsweise von der langen Nase, die ihm gezaubert wird, dann ist eben hier wichtig zu bemerken, dass die Nase eben „nur“ durch die Verzauberung so lang erscheint. Ob er also wirklich eine lange Nase hat, bleibt den Lesern verborgen.
Außerdem ist zu bemerken, dass der „Referendarius Gloxin“ ähnlich wie Dümmerl beschrieben wird, denn er verfügt über die gleiche Kleidungsweise. Im Gegensatz zu Dümmerl wird Gloxin jedoch positiv dargestellt.
Auch bei Dümmerls Onkel wird, laut von Passavant, die volle Möglichkeit von der Beschreibung durch judenfeindliche Merkmale nicht ausgeschöpft. Es ist also durchaus möglich, dass Hoffmann mit seiner negativen Beschreibung von Dümmerl nicht eine mangelhafte Emanzipation desselben verdeutlichen wollte.
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Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Catalina Zaharia -
Das Beispiel "die Brautwahl" kann man als ambivalent ansehen, was die Vorwürfe der Judenfeindlichkeit angeht, denn hierzu, so wie auch Nicolas von Passavant angesprochen, gibt es Stellen, woran man diese Ambivalenzen interpretieren kann, so wie:
1. Die erste Figur Benjamin Dümmerl: von dieser Figur gibt es unzählige judenfeindliche Beleidigungen, die jedoch die gesellschaftliche Wahrnehmung der Figur darstellt, nicht die Stimme des Autors. Nichtsdestotrotz ein Argument, den man selbst interpretieren müsste.
2. In ein paar Textpassagen wurden bestimmte äußerliche Beschimpfungen dargestellt, die aber auch Hoffmann beschreiben können, so wie zum Beispiel "Gelbsucht".

Ich finde, so wie auch Von Passavant in dem Vortrag erwähnt, dass man Hoffmann nicht unbedingt als judenfeindlich ansehen kann, denn er hatte auch judische Freunde, die zwar konvertiert haben. Er war auch in einer Judin verliebt, anderseits macht er sich über die ganze Problematik lustig.
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Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Annick Knauf -
Wie bereits von meinen Kommilitonen ausführlich herausgearbeitet wurde weist insbesondere die Beschreibung des jungen jüdischen Barons Benjamin Dümmerl viele antijüdische Stereotypen, wie etwa Wichtigtuerei, Unoriginalität, Zudringlichkeit und Geldsucht, auf. Eine ambivalente Darstellung der Figuren ergibt sich vorrangig aus der Selbstreflexion des Textes über jene Klischeebilder, wie etwa durch die Ablehnung Dümmerls durch Voßmeier, welcher seine eigenen Schwächen auf Dümmerl überträgt, ebenso wie durch die Abwesenheit der Bewertung antisemitischer Beschreibungen. Besonders auffällig zum einen ist, dass sein Onkel Manasse keiner negativen Beschreibung ausgesetzt ist. Gegenteilig zu Dümmerl unterliegt Manasses Bart keiner judenfeindlichen Typisierung, sondern wird lediglich als ‚stolz‘ beschrieben. Zum anderen erfährt die Reflexivität des Textes durch Manasses heimlichen Einsatz von Magie, als Reaktion auf die Verzauberung von Dümmerls Nase, seinen Höhepunkt. Eben hier lässt E.T.A Hoffmann jene historische Debatte um jüdische Emanzipation im Preußen seiner Gegenwart einfließen, wodurch die These einer schlichten Judenfeindlichkeit Hoffmanns ins Wanken gerät. Die seit 1812 gelockerte (rechtliche) Benachteiligung von Juden beleuchtet E.T.A Hoffmann kritisch, z.B. indem es Dümmerl trotz seiner ernsten Absichten lediglich nach einem Übertritt zum christlichen Glauben erlaubt ist Albertine zu heiraten oder durch die Verzauberung seiner Nase. Denn durch die äußerlich sichtbare Zuschreibung Dümmerls zum Judentum geht ein Abstieg auf der gesellschaftlichen Leiter einher und kann somit, gem. von Passavant, als „Waffe im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf“ erachtet werden (von Passavant 2021, S. 58f.). Jene Kritik verdeutlicht die Ambivalenz von Hoffmanns Beschreibungen und stellt der viel diskutierten These des antisemitischen E.T.A Hoffmans zumindest einen Kritikpunkt entgegen.
Um es mit Nicolas von Passavantes Worten auszudrücken: „mit einer jüdische Heldenfigur würde die Leiter nicht mehr auf dem Boden (der Epoche) stehen.“
In reply to Frederike Middelhoff

Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Vanessa Kranz -

In seinem Vortrag über E.T.A. Hoffmanns Brautwahl erläutert Nicolas von Passavant deutlich die Ambivalenz des Textes. 

Passavant geht zunächst auf die Problematik der jüdisch dargestellten Figuren im Allgemeinen ein. Figuren die augenscheinlich judenfeindlich gemodelt bzw. beschrieben sind, verkörpern oft Vorurteile wie eine unförmiges Gesicht, buschige Augenbrauen, eine große Nase usw. Allerdings wird auch der Teufel bereits seit dem Mittelalter mit Juden verglichen bzw. mit ähnlichen Charakteristika beschrieben. Ob Hoffmann also seine Figuren tatsächlich judenfeindlich beschreibt oder in ihnen lediglich den Teufel verkörpern will, ist nicht eindeutig. 

In Hoffmanns „die Brautwahl“ werden explizit jüdische Figuren thematisiert. Neben anderen gehört zu diesen auch einer der Protagonisten Benjamin Dümmerl, welcher im Laufe der Handlung mit zwei weiteren Männern um die Gunst der schönen Albertine wirbt. Wie bereits genannt wird auch Dümmerl mit den typischen negativ konnotierten Eigenschaften (hässlich, dumm, usw.) beschreiben. Allerdings wird die Figur durch die Sicht anderer beschrieben und folglich ist unklar, ob hier wirklich Hoffmanns Judenfeindlichkeit verdeutlicht wird oder lediglich die Meinung der Gesellschaft innerhalb der Geschichte zum Ausdruck kommt. 

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Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Gamze Yurtseven -
Bevor antisemitische Stereotypen in „Die Brautwahl“ untersucht werden, ist zunächst E.T.A. Hoffmanns Verhältnis zum Judentum zu erwähnen. E.T.A. Hoffmann hatte durchaus jüdischstämmige Bekanntschaften, darunter Julius Hitzig und David Koreff, die allerdings zum Christentum konvertiert hatten. Daraus ist zu erschließen, dass es sich in Hoffmanns Erzählung nicht um Antisemitismus, vielmehr um Ignoranz gegenüber dem Judentum handelt.

Antisemitische Stereotypen sind insbesondere anhand des Charakters Benjamin Dümmerl zu beobachten, die sich im Familiennamen „Dümmerl“, Aussehen, Charakter und Handlung widerspiegeln. Er wird wie folgt beschrieben: lang, mager, ein gelbes Gesicht beschattet von pechschwarzen krausen Haaren und Backenbart, eine ansehnliche Nase, gekleidet nach der letzten bizarrsten Mode, keine Kenntnis und Geschmack in Kunst und Literatur, dummdreist, vorlaut, zudringlich und geldgierig. Das Merkmal „Nase“ wird an einer weiteren Stelle in der Erzählung aufgegriffen, nämlich als der Goldschmied Leonhard Dümmerls Nase in die Länge verzaubert. Das Merkmal „Geldgier“ wird erneut durch die Szene unterstrichen, in der Dümmerl eine Geldfeile als Trostpreis erhält, woraufhin er wie besessen Münzen feilt und sich zudem mit seinem Onkel Manasse um diese Feile streitet.

Durch Ausdrücke wie „sieht man“, „jeder weiß daher“ und „nach dem derben Ausdruck derjenigen verständigen Leute“ wird klargestellt, dass es sich bei der Beschreibung jüdischer Charaktere um die gesellschaftliche Wahrnehmung statt der eigenen Meinung Hoffmanns handelt. Außerdem fällt bei der Beschreibung Benjamin Dümmerls auf, dass er große Ähnlichkeiten mit E.T.A. Hoffmann selbst aufweist. Im Gegensatz zu Dümmerls Charakterisierung und Personenbeschreibung werden in der Erzählung weiteren jüdischen Charakteren, beispielsweise seinem Onkel Manasse oder dem Goldschmied Leonhard, kaum derart negative Eigenschaften zugeschrieben – die antisemitischen Stereotypen werden in einer Person vereint. Interessant ist auch, dass Hoffmann die Aufhebung diskriminierender Gesetze gegenüber Juden im Jahr 1812 in seiner Erzählung verarbeitete. Ein Beispiel hierfür ist, dass der jüdischstämmige Dümmerl Albertine erst heiraten darf, nachdem er getauft und zum Christentum konvertiert ist.
In reply to Frederike Middelhoff

Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Chiara Scinetti -
Von Passavant spricht in der Vorlesungssitzung darüber, ob und inwiefern E.T.A. Hoffmann als judenfeindlich bezeichnet werden kann. Hierbei bezieht er sich auf das Werk „Die Brautwahl“ und skizziert unter anderem die Darstellung der Figur Dümmerl. Der Charakter werde als „dummdreist, vorlaut, zudringlich“ sowie als „unausstehlicher Bengel“ mit „Geldsucht [und] Kleinlichkeit“ beschrieben, was von vielen Lesern als Judenfeindlichkeit und Stereotypisierung verstanden werde. Des Weiteren schreibt Hoffmann von einer lang gezauberten Nase und von einer Geldfeile – ebenfalls stereotypisch jüdische Motive. Von Passavant streitet hierbei nicht ab, dass eine Verbindung zu judenfeindlichen Stereotypen eindeutig vorliegt. Dennoch sei er der Meinung, dass man allein von der Darstellung und Beschreibung der Figuren nicht auf Hoffmanns Ansicht schließen könne. So sei es gut möglich, dass der Autor schlichtweg nicht viel über orthodoxe Juden wusste und deshalb auf zeitgenössische Stereotypen zurückgriff, dies jedoch ohne Wertung tat. Auch ich glaube somit, dass zwar eindeutig jüdische Typisierungen in „Die Brautwahl“ erkennbar sind, doch durch diese allein kann man nicht auf Hoffmanns persönliche Einstellung schließen.
In reply to Frederike Middelhoff

Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Kevin Baumann -
Nicolas von Passavant stellt in seinem Vortrag die Frage, ob man E.T.A. Hoffmann als judenfeindlich bezeichnen kann angesichts von stereotypen Figuren wie z.B. Dümmerl in "Die Brautwahl". Die Figur wird als "dummdreist" und "vorlaut" mit "Geldsucht" beschrieben. Hinzu kommt die Beschreibung von einer lang gezauberten Nase. All dies sind stereotype jüdische Vorurteile. Von Passavant stellt den Erklärungsversuch dar, dass Hoffmann angesichts einer repressiven Gesetzgebung in Preußen zu jener Zeit das Thema Judenfeindlichkeit überhaupt in die Öffentlichkeit tragen wollte. Zudem wollte er zeigen, dass derartige Vorurteile negative Auswirkungen haben.
In reply to Frederike Middelhoff

Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Yolande Belrose -
Die Ambivalenz zeigt sich darin, dass die Verwendung bestimmter Stereotype nicht kontinuierlich bzw. systematisch auf einen Figurentypus angewandt wird. Physiologische Merkmal, die in einem antisemitischen Kontext einer jüdischen Person zugesprochen werden würden, werden bei Hoffmann sowohl auf jüdische Figuren als auch auf nicht-jüdische Figuren angewandt. Auch die Figuren Manasse und Dümmerl werden entweder mit judenfeindlicher Physiognomie (großer Nase, welche aber auch für ein Phallussymbol stehen kann und somit laut von Passavant nicht negativ konnotiert wäre) oder Charakteristiken (Geldgier) ausgestattet, dennoch hält z. B. Manasse Dümmerl davon ab, die Geldfeile weiter zu verwenden und somit sich seinem Stereotyp hinzugeben. Die Gesetzeslage verbesserte sich um 1800 geringfügig für Jüd*innen, obwohl zeitgleich der Druck in beide Richtungen (positiv wie negativ) weiterhin stieg bzw. gleich blieb. Zwischen Pogromen und der dezidierten Aufforderung von nicht-Jüd*innen an Jüd*innen sich zu emanzipieren, lässt von Passavant die Möglichkeit offen, dass Hoffmann Text auf die Gegebenheiten der Zeit eingeht, indem er sie vorführt bzw. reproduziert.
In reply to Yolande Belrose

Re: Impuls zur 2. Vorlesung von N. v. Passavant

by Delphine Donie -
E. T. A. Hoffmanns "die Brautwahl" zeigt deutlich, dass antisemitische Bilder bei Charakterisierungen der Figuren vorzufinden sind. Die Figur "Dümmerl" wird Wohlstand abgesprochen, indem man ihn als unkultiviert und geschmacklos darstellt. Das stereotypische Bild der jüdischen Geldgier wird auch bei seiner Charakterisierung vorgesehen. Eine große Nase und ein unangenehmes forsches Auftreten vervollständigen ein heutiges Verständnis von antisemitischen Äußerungen. Durch die Markierungen von möglichen antisemitischen Aussagen versucht Passavant die Anbivalenz innerhalb des Textes festzustellen. Die möglichen antisemitischen Passagen müssen, laut Passavant, nicht zwingend Zeugnis über die eigene Position des Autors verraten. Er könnte sich auch zeitgenössischer Stereotype bedient haben, zumal das äußerliche Erscheinungbild von Dümmerl eine große Ähnlichkeit zum Autor selbst aufweist.