Am Beispiel weiblicher Träumender in E.T.A. Hoffmanns Prosa skizzierte
Ricarda Schmidt die Vielfalt der Traumfunktionen in Hoffmanns
Texten sowie deren diskursive Kontexte im Spannungsfeld von
aufklärerischer Traumforschung, Literatur, Kunst, Oper und
romantischer Anthropologie. Warum, wie und mit welchen
Konsequenzen weibliche Figuren bei Hoffmann träumen, ist dabei nie
eindeutig oder eindimensional, sondern von Text zu Text und Traum
zu Traum unterschiedlich. Nennen Sie zwei bis drei in der Vorlesung
thematisierte Traumdarstellungen und ihre Effekte.
Insgesamt, so Schmidt, gehe es Hoffmann bei seinen Traumdarstellungen nicht um das Entwickeln einer festen Form, sondern um das Erproben und Ausloten unterschiedlicher Konstellationen in feinen Abstufungen.
So wie Frauen in der Literatur immer wieder Gegenstand in Träumen von Männern sind, so drehen sich die Träume weiblicher Figuren Hoffmanns um Männer und verhandeln ihr Verhältnis zu jenen. Dabei werden in manchen Fällen soziale Zustände entlarvt, solche in denen sich Männer Frauen zu eigen machen und über sie herrschen, ermöglicht über die magnetisch hypnotische Kraft des Traums.
Das zeigt sich beispielsweise an Auguste aus Der Magnetiseur. Ihre Traumdarstellung offenbart die Manipulation des Magnetiseurs, die er auf sie ausübt, indem er in ihre Träume eindringt, sie also in einem Zustand völliger Wehrlosigkeit beeinflusst: Er versucht in nächtlichen Erzählungen einer Liebesgeschichte Augustes Liebe für ihn hervorzurufen. Das führt dazu, dass Auguste tatsächlich Gefühle für diesen Mann und eine Abhängigkeit zu diesem entwickelt. Sie verliert daraufhin die emotionale Bindung zu dem Offizier, in den sie verliebt war; sie wird wankelmütig. Ihre Handlungen im Wachzustand und ihre Liebe zu diesem anderen Mann scheinen ihr nach den nächtlichen Erzählungen des Magnetiseurs falsch, d.h. sie zweifelt an ihren zuvor als wahr angenommenen Gefühlen und verwirft diese und damit auch Teile ihrer Selbstwahrnehmung. Der Effekt dieser Traumdarstellung zeigt sich im Sichtbarwerden einer fehlenden Erkenntnisfähigkeit der Frau, die nicht imstande ist zu erkennen, dass ihr plötzlicher Gesinnungswandel auf eine Traummanipulation zurückzuführen ist. Auguste ist verblendet und sieht nicht, dass sie der Traum nicht zu ihrem wahren Selbst zurückgebracht hat – wie sie annimmt – sondern sie davon entfernt hat. Auguste lebt fortan in ihrer aus scheinbarer Liebe eingegangen glücklichen Ehe – ohne zu wissen, dass das Fundament dieser Liebe in einem eigennützigen – als wohltätig herausgestellten – Akt einer Schlafhypnose gründet.
Marias Traumimaginationen aus Der Magnetiseur hingegen sind erst einmal positiv. Sie träumt von der Liebe eines jungen Mannes, der sich ihrer annimmt. Hinzu tritt allerdings ihr Glaube, dass das Erfahren von Schutz und Rettung durch einen starken Mann eine Unterordnung vor demselben erfordert. Alban, der Mann den sie aus ihren Träumen zu erkennen glaubt, ist ein kalter Machtmensch, sodass Maria in seiner Gegenwart Angst, Furcht, Grauen und Entsetzen empfindet. Ihre Abhängigkeit zu Alban ist also mit einer tödlichen Gefahr verbunden. Über diese ist sie sich im Gegensatz zu Auguste im Klaren, doch diese Einsicht schützt Maria nicht. Immer noch ist Maria in der sie beherrschenden Beziehungsstruktur gefangen und kann sich nicht (mithilfe ihrer Erkenntnis) von Alban lossagen, geschweige denn ihr Verständnis von Liebe und Männern transformieren. Marias Traumdarstellung symbolisiert dementsprechend ihre psychische Unterwerfungsbereitschaft.
Bei Aurelie aus Die Elixiere des Teufels skizziert Hoffmann eine andere Traumfunktion. Hier zeichnet er den erotischen Traum als Ventil über welches das Unbewusste der Schlafenden in den Vordergrund und damit in das Bewusstsein der Träumerin gerückt wird. Aurelies sexuelles Begehren im Traum wurzelt in der aufklärerischen Traumforschung, nach der die Inhalte des Traums häufig in Untugenden und frevelhafte Begierden bestanden.
Ricarda Schmidt setzte in ihrer Vorlesung unter anderem einen Fokus auf das Träumen als Folge magnetischer Manipulation und bezog sich dabei auf die Texte „Der Magnetiseur“ und „Der unheimliche Gast“. Schmidt argumentierte zunächst, dass Hoffmann den Traum in „Der Magnetiseur“ verwendet, um die Gefahren des Machmissbrauchs eines Magnetiseurs hervorzuheben. Getrieben von seinem Machtbestreben manipuliert Alban Auguste und Maria zu fatalen Konsequenzen. Zwar erscheint Alban in Marias Traum als „romantischer König“, er entpuppt sich jedoch als kalt und machtsüchtig. Mittels der Traummanipulation stellt Alban eine solche Abhängigkeit Marias zu ihm her, dass diese, auch nachdem sie Albans wahres Gesicht erkennt, keinen Ausweg findet. Am Ende der Erzählung stirbt ein gesamter Familienzweig an den Konsequenzen der Magnetisierung, Hoffmann beschrieb, laut Schmidt, seine Autorenrolle selbst als die eines Massakisten. Der Traum in „Der Magnetiseur“ fungiert somit als Warntafel.
Um darzustellen, wie unterschiedlich die Funktion von Träumen in Hoffmanns Werk von Text zu Text sein kann, präsentierte Schmidt in einem nächsten Schritt ihre Interpretation von „Der unheimliche Gast“ und las den Text als Gegenstück zu „Der Magnetiseur“. Zwar ähneln sich die träumenden Charaktere beider Texte sehr, so Schmidt, sie träumen jedoch auschlaggebend verschieden. Während Alban in Marias Traum als positive Erscheinung, als Erlöser und Retter vorkommt, handelt es sich bei Angelikas Traum um einen Alptraum. Nicht als Erlösung, sondern als Gefahr imaginiert sie den Mann, was erheblichen Einfluss auf die unterschiedlichen Handlungen beider Texte hat. In Kontrast zu „Der Magnetiseur“ hat „Der unheimliche Gast“ ein Happy End. Schmidt zeigte somit die unterschiedlichen Funktionen der Manipulation durch den Traum auf: einerseits als Warntafel, andererseits als Vermittlung poetischer Gerechtigkeit.
Re: Frage 7 zur Vorlesung von Ricarda Schmidt
Ricarda Schmidt interpretierte die Erzählung 'Der unheimliche Gast' als Gegenstück zu der ersten. Angelika imaginierte die Begegnung mit einem Mann nicht als Erlösung wie Maria, sondern als Gewalterfahrung. Sie wehrt sich gegen den Einfluss des Magnetiseurs und wird schließlich vor dem Grafen gerettet, sodass es dieses Mal zu einem Happy End kommt. Anhand der beiden Erzählungen wird deutlich, dass die psychische Disposition sowie die früheren Erfahrungen der Figuren einen Einfluss auf die Traumwirkung haben.
Hoffmanns Erzählung Nussknacker und Mäusekönig hat hingegen einen komplett anderen Effekt. Maries Träume finden ohne magnetischen Einfluss statt. Stattdessen haben sie einen Märchencharakter. Maries Träume folgen dem Märchenmuster vom Helden, der gegen fantastische Gegner kämpfen muss und bei bestandenen Gefahren belohnt wird. Der Effekt der Traumsequenzen geht hier ins Idyllische über.
Re: Frage 7 zur Vorlesung von Ricarda Schmidt
Die Erzählung, die 1817 erschienen ist, gehört eher zu den unbekannteren Werken Hoffmanns und ist der Zeit des polnischen Unabhängigkeitskampfes verortet. Interessant für die Vorlesung über die Traumfunktion in Hoffmanns Texten, ist die Figur Hermenegilda. Sie kann im Laufe der Erzählung nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Traum unterscheiden. Sie heiratet den Bruder von Stanislaus und vollzieht mit diesem auch die Ehe. In einer späteren Szene schildert Hermenegilda dann, wie sie mitten auf dem Schlachtfeld Stanislaus geehelicht und dieser unmittelbar danach gefallen sei, weshalb sie fortan als trauernde Witwe leben wolle. Dieser Traum sowie der Ring und die Schwangerschaft werden für sie als Wirklichkeit angenommen. Ihr Ruf ist damit aber dahin, da sie nun als psychisch Kranke dargestellt wird, da sie anscheinend nicht zwischen Traum und Wirklichkeit differenzieren kann.
Weit verbreitet ist, dass die Frauen Teil der Träume von Männern sind, aber Hoffmann verwirklich auch einige träumende Mädchen in seinen Werken. Aber auch bei den jungen weiblichen und vor allem unverheirateten Figuren Hoffmanns drehen sich ihre Träume meist um Männer. Die Figuren Auguste, Maria und Angelika haben die Gemeinsamkeit, dass sie im Schlaf hypnotisiert werden, um ihre Liebe einem bestimmten Mann entgegen zu bringen. Der große Unterschied zwischen Maria und Auguste ist jedoch, dass es sich bei Maria um pubertäre träume handelt, in denen sie von einem starken Mann verführt werden möchte, während Auguste davon träumt wie sie vergewaltigt wird. So zeichnet sich in Marias träumen also ihre Unterwerfungsbereitschaft wieder, während sich in Augustes Traum, welcher eher an einen Alptraum erinnert, ihre Angst widergespiegelt wird.
Maries Träume in Nußknacker und Mäusekönig haben hingegen idyllischen Märchencharakter. Die trauminternen Handlungen folgen dem Märchenmuster vom Helden und seiner Helferin, Marie, die gemeinsam furchteinflößende Gestalten bekämpfen. Ihre Träume zeichnen sich durch die Verlebendigung unbelebter Dinge und die teils fantastische Anthropomorphisierung genuin tierischer Figuren aus. Durch die Einbettung ihrer Träume in einen Wechsel der Realitätsebenen verschmelzen die Realitäts- und die Traumebene miteinander. Dies hat zur Folge, dass es für die RezipientInnen schwierig ist, zu unterscheiden, ob hier ein Übergang vom Tagtraum zum Alltag oder aber ein Wechsel vom Tagtraum zum Märchen stattfindet.
Angelika: Psychsiche Unterwerfungsbereitschaft ist bei ihr schon vorher vorhanden. Amiginiert eine Vergewaltigung im Traum. Dabei wird sie von einem jungen Degen unterstützt, welcher sie retten will. Moritz scheint als ihr Retter, gruseliger Graf als Vergewaltiger. Neigung zum Grafen durch magentische Hypnose im Traum, nach Moriitz angebelichen tot. Er rettet herrschaft des Grafs über angelika und graf stirbt.
Bei ihr sind Motive von schützenden und bedrohenden Männern oft Ausdruck der Träume.
Träume Aurelias: Aufklärerisch von sexueller Fantasien. Traumerleben und Wachleben vermischen sich miteinander. Dadurch scheint sich ihre Psyche noch weiter in den Traum zu manifestieren. Frühkindliche Erfahrung: Psychologischer Traum und romantischer Traum werden miteinander verknüpft. Begehren im Traum und entdecken von sexuellem Begehren im Wachzustand und gestalten den Traum sowie das Wachleben. Es animiert den Leser Träume auszumalen. Keine bewusstlos in sich selbstlebende Frau. Sie scheint so aurklärerisch und romantisch zugleich zu sein. Dabei ist jedoch zu beachten, dass sie weder als ohnmächtige noch handelnde Person charackterisiert wird.
Re: Frage 7 zur Vorlesung von Ricarda Schmidt
In " der Magnetiseur" sieht Maria in Alban die Figur aus ihrem Traum, zu der sie sich hingezogen fühlt. Maria gerät durch ihren Traum in eine Abhängigkeit zu Alban. Sie will sich seinem Willen unterwerfen.